Geschichte der Psycho-Physiognomik

Seit Jahrtausenden versuchen Menschen das Gesicht ihres Gegenübers zu lesen, seine Körpersprache und Mimik richtig zu deuten, Charakter und Fähigkeiten einzuschätzen und Verhalten zu verstehen bzw. vorauszusagen.

Die Wurzeln der Psycho-Physiognomik sind bereits einige tausend Jahre vor der Geburt Christi im alten China, in Indien und auch in Ägypten zu finden. Die Kunst, im Gesicht eines Patienten Hinweise auf organische Veränderungen, Schwächen/Stärken, Krankheiten u.ä. zu finden, wurde in China (Siang Mien) angewendet, im indischen Ajurveda und auch in der frühen ägyptischen Heilkunst.

In der griechischen Antike beschäftigten sich Philosophen und Gelehrte ebenfalls mit der Physiognomie des Menschen und stellten Zusammenhänge zu Charakteren und Verhaltensweisen her.

Der griechische Philosoph Pythagoras von Samos wählte seine Schüler beispielsweise nach physiognomischen Kriterien aus. Sokrates und sein Schüler Platon hatten tiefe Kenntnis von der Natur des Menschen und ihrem Zusammenhang mit den äußerlichen Formen von Körper und Kopf. In ihren Werken benannten sie bereits Ausdrucksformen, die durch Besonnenheit, Klugheit, Edelmut, Dummheit oder Boshaftigkeit entstehen und sie vertraten schon unter anderem die heute noch populäre These, dass „in einem gesunden Körper eine gesunde Seele“ lebe.

Hippokrates von Kos war der berühmteste Arzt des Altertums und wurde bereits zu Lebzeiten verehrt. Er gilt als der Begründer der wissenschaftlichen Medizin und auch als wichtiger Vordenker der Patho-Physiognomik, wonach Veränderungen der Gesundheit und Krankheit sich im Gesicht zeigen.

 

18. / 19. Jahrhundert

Der Philosoph, Schriftsteller und reformierte Pfarrer Johann Caspar Lavater (1741 – 1801) setze einen wichtigen Meilenstein in der Geschichte der Psycho-Physiognomik. Mit seinem Werk „Physiognomische Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe“ (1775–78) in vier Bäden trug er wesentlich zur Popularität der Psycho-Physiognomik, u. a. anhand von Schattenrissen, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Deutschland bei. Seine Theorien wurden lebhaft diskutiert, unter anderem auch von Friedrich Schiller (1759 – 1805) und Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832), die beide in dieser Zeit zu den bekanntesten Interessierten und auch Befürwortern der Psycho-Physiognomik zählten. Goethe unterstützte Lavater sogar bei den ersten beiden Bänden seines Hauptwerkes. Er übernahm das Lektorat und fertigte Schattenrisse für Lavater an.

Auch der deutsche Philosoph, Autor und Hochschullehrer Arthur Schopenhauer (1788 – 1860) beschäftigte sich intensiv mit der Lehre der Psycho-Physiognomik. In seinem Werk „Parerga und Paralipomena II“ schrieb er 1851 unter anderem auch ein Kapitel „Zur Physiognomik“, in dem es z. B. heißt:

„Allerdings aber ist die Entzifferung des Gesichts eine große und schwere Kunst. Ihre Prinzipien sind uns halb angeboren, halb aus der Erfahrung geschöpft und nie in abstracto zu erlernen. Die erste Bedingung dazu ist, dass man seinen Mann mit rein objektivem Blick auffasse; welches so leicht nicht ist. Sobald nämlich die leiseste Spur von Abneigung, oder Zuneigung, oder Furcht, oder Hoffnung, oder auch der Gedanke, welchen Eindruck wir selbst jetzt auf ihn machen, kurz, irgendetwas Subjektives sich einmischt, verwirrt und verfälscht sich die Hieroglyphe.“

 

20. Jahrhundert

Carl Huter (1861 – 1912) gilt als der Begründer der neuen Psycho-Physiognomik und entwickelte diese u. a. aus den Lehren der Physiognomik und der Phrenologie sowie aus eigenen Erkenntnissen.

Seine Lehren hatten mit den Kenntnissen und Lehren der vergangenen Jahrzehnte und Jahrhunderte kaum noch Gemeinsamkeiten. In den Jahren 1904 bis 1906 verfasste Carl Huter sein Hauptwerk „Menschenkenntnis“ in insgesamt fünf Bänden.

Bis heute gilt er für viele als der bedeutendste Vertreter der Psycho-Physiognomik aller Zeiten. Dennoch darf nicht unberücksichtigt bleiben, dass Huter seine Theorien vor mehr als einhundert Jahren (!) entwickelte, einer gänzlich anderen Zeit als heute, mit nicht nur verändertem Umfeld sondern auch veränderten Bedürfnissen und menschlichen Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen. Daher sind Teile der Theorien im Einzelnen hinsichtlich ihrer Anwendbarkeit in der heutigen Zeit genau zu prüfen.

 

Nationalsozialismus

Die Nationalsozialisten verwendeten u. a. die Lehren des italienischen Arztes Lombroso und damit dessen Theorie der Anlagenbedingtheit des Verbrechens unter anderem zur Rechtfertigung der Verfolgung und Vernichtung von Juden, psychisch Kranken und politischen Gegnern.

Außerdem verwendeten sie in diesem Zusammenhang die Lehren der alten Phrenologie und Physiognomie, um an Hand von physiognomischen Merkmalen (z. B. der Breite des Kiefers oder der Form der Nase) einen Menschen einer „Rasse“ zuzuordnen (sog. „Judennase“) und bestimmte Charaktereigenschaften (Moral, Kapitalismus usw.) zu bestimmen.

Die „Phrenologie“ wurde von den Nationalsozialisten umbenannt in „Nationalsozialistische Ausdruckspsychologie“, da die alten Lehren der Phrenologie und Psycho-Physiognomik die Menschen nicht in Rassen einteilten und demnach ein Jude durchaus „bessere“ Charaktereigenschaften haben konnte als ein „Arier“.

Der menschenverachtende Umgang mit der Psycho-Physiognomik durch die Nationalsozialisten führte leider dazu, dass sich nach dem zweiten Weltkrieg über viele Jahre bzw. Jahrzehnte niemand mehr ernsthaft mit dem Thema beschäftigen wollte. Noch heute wird beim Stichwort „Gesichterlesen“ oft mit dem mahnenden Zeigefinger und in Verbindung mit Begriffen wie „Judennase“ und „Verbrecherkinn“ auf die Zeit der Nationalsozialisten verwiesen.

Derartige Ängste und Sorgen sind berechtigt. Die Geschichte zeigt uns, dass die Kunst des Gesichterlesens unbedingt in die richtigen Hände gehört. Und das gilt nicht nur für die Anwendung des Wissens sondern auch für die Weitergabe.

 

1970er bis heute

Die bedeutendsten Vertreter der Psycho- und Pathophysiognomik seit den 1970er Jahren sind Wilma Castrian (geb. 28.11.1932) und Natale Ferronato (geb. 15.12.1925).

Beide haben im Laufe der letzten Jahrzehnte viele tausend Schüler ausgebildet, zahlreiche Vorträge gehalten und umfangreiche Fach- und Grundlagenliteratur veröffentlicht.

In den 1980er Jahren entwickelte außerdem Elsa M. Frank die Arbeiten Carl Huters weiter und erstellte ein strukturiertes Psycho-Physiognomik-System.